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Dienstag, 1. Juli 2014

15 Freunde sollen ausreichen!

Von Seppo

Es war eher eine Randbemerkung von Bundestrainer Jogi Löw im Interview mit Katrin Müller-Hohenstein nach dem gestrigen Spiel gegen Algerien: „Wir haben immer gesagt, gewisse taktische Flexibilität ist unsere Stärke auch. Wir haben 14, 15 Leute, die wir bringen können, und wir brauchen diese auch. Das hat man heute auch gesehen […].“ Nun ist es nicht so, als ginge von den beiden genannten Zahlen laut Wikipedia ein besonderer mathematischer Reiz aus, der alltägliche Relevanz hätte. Auch hielt bereits Sepp Herberger fest, dass man 11 Freunde sein müsse – und eben nicht 14 oder gar 15. Falls nicht ausreichend, greift zu guter Letzt das Argument, dass ohnehin nicht mehr als 3 Männer eingewechselt werden könnten. Insofern also Glückwunsch, Jogi, dass du „14, 15 Leute“ hast!

Trotz der bekannten Ausfälle und vorangegangener Verletzungen gilt der Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft so konkurrenzfähig wie selten zuvor. Mit ganz wenigen Ausnahmen verfügen alle Teammitglieder über internationale Erfahrung in Champions-League und/oder WM bzw. EM, die überdies oftmals bereits von Erfolg gekrönt war. Sie wissen also, wie siegen geht auf höggschtem Niveau. Das klingt ob der suggerierten Qualität und Ausgeglichenheit des Kaders für diese WM sehr erfolgversprechend, zumal die bewährten Angstgegner aus Spanien oder Italien bereits freiwillig ihre Ambitionen abtraten. Dabei ist es freilich von Vorteil, den bewährten „14, 15 Leuten“ das Vertrauen zu schenken. Denn die kennen sich ja schon und wissen im Zweifel, wie der Mitspieler ein Tor zu bejubeln pflegt. Auch dafür Glückwunsch, Jogi! Doch was, wenn der Jubel wie gegen Algerien so lange auf sich warten lässt?

Zweifellos wurden bisher 16 der 20 nominierten Feldspieler eingesetzt. Das spricht durchaus dafür, dass Löw diejenigen, die berufen wurden, nicht nur mit Bedacht ausgewählt hat, sondern auch tatsächlich braucht. Allerdings heißt es gemäß seiner Aussage auch, dass Ginter, Großkreutz, Durm, Draxler und im Grunde auch Kramer (für Mustafi ist das Turnier nun ohnehin beendet) – da sie bisher nicht zum Zuge kamen und somit nicht zu den „14,15“ zählen – auch weiterhin keine Berücksichtigung finden werden. An Taktik und Personal wird jedenfalls nicht gerüttelt. Das mag ob der Trainingsleistung, des taktischen Verhaltens oder technischen Vermögens aus der Vorstellung der verantwortlichen Trainerschaft begründet sein. Doch damit zementiert er nicht nur seinen Starrsinn, sondern sendet zudem ein gänzlich falsches Signal, indem er sich und seinem Team auf diese Weise das designierte 5. Rad ganz offensichtlich selber anbringt. Dem Teamgeist ist es wenig dienlich, da er allen bisher Nicht-eingesetzten vor den Kopf stößt und zeugt auch sonst alles andere als von Feingefühl und Cleverness. Denn eine Motivation stellt das für Erik Durm, einen der wenigen (an-)gelernten Außenverteidiger, sicherlich nicht dar. Auch Kevin Großkreutz wird sich spätestens seit dem Interview Gedanken über seine Stellung machen, ohne darüber bei einem Döner sinnieren zu können.

Das Postulat „Jeder ist wichtig“ hat der Trainer somit jedenfalls selbst und in aller Öffentlichkeit ad absurdum geführt. Mit dieser Aussage hat er– wer immer sich noch zugehörig fühlt – nur eines erzielt: ein kapitales Eigentor für die Mannschaft, der er sich hat zusammenstellen dürfen und zu verantworten hat. Sicher hätte das Potpourri ohne die verletzten Spieler qualitativ noch etwas stärker sein können. Es rechtfertigt jedoch nicht, beim Kader 5 Spieler unter den Tisch fallen zu lassen. Diese Mannschaft besteht aus mehr als „14, 15 Leuten“ und besitzt ausgerechnet in Kevin Großkreutz einen Typ, der sich zweifelsohne von allen anderen fußballerisch wie menschlich unterscheidet. Nicht zuletzt genau jene Attribute könnten der Mannschaft einmal den entscheidenden Kick geben, wenn sie in Schönheit oder Lethargie zu ertrinken droht.

Auf diese Weise aber hat Löw unmissverständlich bekundet, dass das Vertrauen in das Leistungsvermögen einzelner nicht gegeben ist. Positiv formuliert wissen nun „14, 15 Leute“, dass sie dank der Unzugänglichkeit des Trainers ihre Spielanteile sicher haben. Hoffentlich noch für 3 Spiele… In diesem Sinne aber viel Spaß im Urlaub den genannten und sprichwörtlichen Ergänzungsspielern! Denn zu nichts anderem als denen sind sie (spätestens) gestern Abend degradiert worden.

Samstag, 30. Juni 2012

Die richtigen Worte zur richtigen Zeit (Offener Brief von Arnd Zeigler)

Seit langem mal wieder ein Post von uns - und dann haben wir ihn nicht selber geschrieben. Aber das, was Arnd Zeigler hier sagt, spricht uns einigen von uns(!) aus dem Herzen und muss Verbreitung finden:

"Wenn ich mal eben offen reden darf: Dieses unglaubliche Rumgeflenne überall über die Niederlage gegen Italien ist erbärmlich und unwürdig.
Wer jetzt so tut als seien die deutschen Spieler nach der ersten Niederlage nach 16 Siegen hintereinander (oder wieviele waren es?) plötzlich alles Vollpfosten, Totalversager und Nullen und ihr Trainer ein Nichtskönner, der hat den Fußball nicht mal im Ansatz verstanden.

Wer es nach Siegen gegen Portugal, Holland, Dänemark und Griechenland nicht ertragen und akzeptieren kann, dass andere an manchen Tagen vielleicht einfach mal besser sind, der sollte möglicherweise Sport ganz allgemein meiden.

Wer jetzt ganz genau weiß, dass die Wechsel alle verkehrt waren, hat das möglicherweise schon nach dem Griechenland-Spiel posten wollen, aber da haben wir ja dann dummerweise gewonnen.

Wer jetzt Spieler wie Schweinsteiger, Gomez oder Lahm hinstellt wie hoffnungslose Nulpen, die einfach zu schlecht sind - wer nicht ein Grundmaß an Respekt dafür aufbringen kann, wie ein Sportler (= Mensch) funktioniert, der liebt in Wirklichkeit nicht den Fußball, sondern setzt sich bräsig vor die Glotze und will ein möglichst gutes Preis-Leistungsverhältnis, und so einen blöden Europameistertitel kann man doch schon mal voraussetzen.
Das Gerede von unserer angeblich „zu netten“ Elf und den fehlenden Schweinehunden ist eine populistische Scheißdebatte ohne jeden Nährwert. An irgendwas muss es jetzt liegen, weil es so schwer zu ertragen ist, dass da einfach jemand an einem Abend ganz banal etwas besser Fußball gespielt hat. Und deshalb werden jetzt solche Kackthesen an den Haaren herbeigezogen.

Hätte Deutschland gegen Italien verloren, wenn eine der großen Chancen der Anfangsviertelstunde genutzt worden wäre? Ziemlich sicher nicht. Aber so geht Hummels Schuss nach fünf Minuten eben NICHT rein und die italienische Hintermannschaft murmelt sich den Ball fünf Zentimeter neben das eigene Tor, und schon stellt man hilf- und phantasielos Dinge in Frage, die über Jahre großartig waren.

Nach 9 Punkten in der Todesgruppe, übrigens ausnahmslos gegen Teams, in denen ausgemachte Schweinehunde standen (Pepe! Van Bommel! Agger!), waren unsere Jungs noch nicht zu nett. Nun sind sie es plötzlich.

Die Italiener wiederum, die bei einem minimal anderen Spielverlauf gegen uns möglicherweise ausgeschieden wären, wären in diesem Fall wahrscheinlich als überalterte, fußballerisch limitierte Elf abgekanzelt worden, die gegen eine moderne deutsche Elf verliert, die aufgrund ihrer technischen Überlegenheit ohne Fouls auskommt. Wäre so gekommen, glaubt mir. Und deshalb ist so eine Diskussion Kinderkram und reines Medien-Tamtam. Und hochgradig albern.

Und heute nun ballert also unvermeidbarerweise die BILD noch mal ordentlich dazwischen und füttert die Diskussionen am Stammtisch und anderswo mit Schlagzeilen wie: "BILD rechnet ab: Schweini wird nie ein Chef - Gomez hat nur die Haare schön - Lahm labert wie ein Politiker - Luxus-Versager - SO verhätschelt der DFB die Stars - Das Schreiben die BILD-Leser: Fan-Wut auf Nationalelf". Das geht jetzt wieder, weil Robert Enke schon lange genug tot ist.
Es ist wirklich interessant zu beobachten, dass es für ein Abschneiden wie diesmal bei der BILD (und überraschenderweise auch bei vielen Fußball-Konsumenten) gar keine Kategorie mehr gibt. Es gibt nur "Europameister" oder "Vollversager". Die merken gar nicht, dass Deutschland vorher Portugal, Holland, Dänemark und die Griechen geschlagen hat, mit zum Teil phantastischem Fußball. Und gegen Italien nicht sang- und klanglos eingegangen ist und deklassiert wurde, sondern durch zwei Abwehrfehler gegen einen an diesem Tag einfach starken Gegner verloren hat, der im Gegensatz zu uns seine Chancen verwertet hat.

Das alles rechtfertigt jetzt scheinbar einen Frontalangriff auf die Würde der Spieler. 2004 haben wir gegen Tschechiens B-Mannschaft verloren, gegen Lettland unentschieden gespielt und sind sieglos in der EM-Vorrunde gescheitert. Unsere Mannschaft diesmal wird von der BILD exakt genauso behandelt wie die Mannschaft damals. Und wir leben jetzt scheinbar in einer Zeit, wo zweite, dritte oder vierte Plätze bei Weltklasse-Turnieren nicht mehr ausreichen, um das Abschneiden positiv einzuordnen. Ich glaube, wenn man die Schlagzeilen der BILD in England, Holland, Frankreich oder Argentinien liest, lacht man sich tot über die Art und Weise, wie hier mit der Leistung der deutschen Elf umgegangen wird.

Sehr komisch ist auch, dass als purer, mechanischer Akt der Einfallslosigkeit mit einer Trainerdiskussion begonnen wird. Unsere Pflichtspiel-Bilanz vor dem unglücklichen EM-Aus:

4:2 gegen Griechenland
2:1 gegen Dänemark
2:1 gegen Holland
1:0 gegen Portugal
3:1 gegen Belgien
3:1 in der Türkei
6:2 gegen Österreich
3:1 in Aserbeidschan
2:1 in Österreich
4:0 gegen Kasachstan
3:0 in Kasachstan
3:0 gegen die Türkei
6:1 gegen Aserbeidschan
1:0 in Belgien.

Vierzehn Siege hintereinander. Davor das Spiel um Platz 3 bei der WM, 3:2 gegen Uruguay. Davor das WM-Aus gegen Spanien, knapp mit 0:1, und davor: 4:0 gegen Argentinien, 4:1 gegen England und so weiter und so fort. Das ist Joachim Löws Arbeitsnachweis und Bilanz. Dass jetzt ernsthaft über sein Schicksal als Bundestrainer diskutiert wird, ist eigentlich sehr komisch, wenn es nicht so traurig wäre.

Ihr, die ihr jetzt alles so furchtbar und so peinlich und so vorhersehbar findet, was da gegen Italien passiert ist: Was würdet ihr tun, wäret ihr Fans des Karlsruher SC oder von Magdeburg oder von Preußen Münster? Euch Woche für Woche die Pulsadern aufschneiden, weil eure Lieblingsspieler manchmal schlecht spielen? Und sogar wichtige Spiele verliert?

Ich finde Facebook in diesen Tagen ganz, ganz eklig. Und wenn ich mir vorstelle, wie ein scheinbar gar nicht mal so kleiner Teil meiner Mit-Fans im Stadion zu ticken scheint, fröstelt es mich."


(Quelle: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10151000089867943&id=273426262942 )

Freitag, 17. Februar 2012

Schiedsrichterentscheidungen – Im Zweifel für die Fehlentscheidung.


Eine Welle der Empörung schwappt durch die Bundesliga und durch die Schiedsrichterriege des DFB. Karl-Hein-Rummenigge und Uli Hoeneß machen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter für den Verlust der Tabellenspitze verantwortlich und gehen sogar noch weiter, indem sie den deutschen Schiedsrichtern unterstellen, bewusst gegen den FC Bayern zu pfeifen, um sich dem Ärger der Anhänger anderer Vereine zu entziehen.

Diese Diskussion an sich möchte ich hier gar nicht so weit beleuchten. Das hat der Baziblogger schon mit einem guten Beitrag gemacht. Nur eins: Es gab mitunter sehr fragwürdige Entscheidungen gegen den FC Bayern, jedoch konnte man als Fan das ein ums andere mal auch sehr froh sein, dass die Schiris in einigen Situationen Dinge übersahen, die andere in der Situation vielleicht gepfiffen hätten. Eine Seite, die ich bei solchen Fragen immer sehr gerne zu Rate ziehe ist wahretabelle.de. Dort wären nach Abwägung aller Fehlentscheidungen die Bayern sogar nur auf Platz 3 mit 2 Punkten weniger als bislang.

Viel interessanter fand ich jedoch diese Statistiken, die nicht den FC Bayern, sondern die gesamte Liga betreffen:

In der bisherigen Saison (Stand: 22. Spieltag) wurden 64 Treffer verweigert. Das macht 2,9 verweigerte Treffer pro Spieltag. In der ganzen letzten Saison lag dieser Wert bei 2,56 (87 verweigerte Treffer). Seitdem wahretabelle.de diese Statistik führt, ist der Wert kontinuierlich gestiegen (2007/2008: 73). Etwas deutlich wird dies noch bei den nicht gegebenen Elfmetern. Hier liegt der Wert derzeit bei 2,45 pro Spieltag (54 verweigerte Elfmeter nach 22 Spieltagen). In der Vorsaison wurden 66 Elfmeter verweigert und damit 1,94 pro Spieltag.

© commons.wikimedia.org/user: Darz Mol

Woran liegt es, dass solch essentielle Entscheidungen im Fussball immer öfter falsch getroffen werden? Ist am Ende vielleicht doch der Druck durch Anhänger, die sonst nicht viel im Leben haben als ihren Verein, ausschlaggebend. Dass Telefonterror bei einzelnen Schiedsrichtern betrieben wird ist kein Hirngespinste von Hoeneß und co., sondern leider oft beschriebener Alltag. Gewalt und Drohung gegen Schiedsrichter auf und neben dem Platz gehört zum Fussballgeschäft mittlerweile schon dazu. Nicht ohne weiteres werden Aktionen wie zuletzt in der Hauptstadt initiiert ( http://www.morgenpost.de/sport/article1802599/Berliner-Schiedsrichter-pfeifen-gegen-Gewalt.html ), die an den Fair Play Gedanken erinnern sollen.

Die Belastung für die Schiedsrichter durch aggressive Fans und Spieler ist also vorhanden, aber nicht der einzige Grund für mittlerweile fragwürdige Entscheidungen.
Auch fehlt eine klare Linie, die zum Pfiff führt. Es gibt zwar ein einheitliches Regelwerk, jedoch ist auch im Fussball noch immer viel Auslegungssache. Leider findet die altbekannte Regel: „Im Zweifel für den Angreifer.“ auch kaum noch Anwendung. Besonders betroffen sind davon Stürmer wie bspw. Mario Gomez, die immer nah am Abseits agieren und die Schiedsrichter oft zu schwierigen Entscheidungen zwingen.

Hier würden solche Entwicklungen wie der Videobeweis sicherlich Abhilfe schaffen. Die Diskussionen diesbezüglich wurden oft geführt. Die Meinungen dazu gehen bei den Fans auseinander.
Klar ist jedoch, dass sich spielentscheidende Fehlentscheidungen häufen und dies ein Problem ist, dem sich die Liga und der DFB nicht länger verschließen können. Hier muss reagiert werden.

(CL)