Der DFB-Pokal ging dieses Wochenende in seine erste Runde. Mit dabei war auch der DSC Arminia Bielefeld, der mit dem SC Paderborn direkt einen Zweitligisten und Lokalrivalen vor der Brust hatte. Diese Paarung war meine erste Erfahrung die ich mit dem DSC gemacht habe und hatte alles, was ein spannender Fußball-Sonntag brauchte.
Zusammen mit zwei Arbeitskollegen machte ich mich auf den Weg zum Stadion. Ich wusste nicht genau was mich erwarten würde, besonders nachdem ich ja nun nach der letzten Saison zum Erfolgsfan geworden war. Meine Gladbacher Borussen hatten mich mit ihrem Fußball völlig verwöhnt, ich hatte etwas Angst dem "ehrlichen" Fußball eines Drittligisten nicht mehr viel abgewinnen zu können. Die Fahrt mit der Stadtbahn hat die Stimmung nicht unbedingt gehoben, denn auch hier machten sich die über 30°C, die das ganze Wochenende herrschten, sofort bemerkbar. Im Gedränge der überfüllten Bahn stand ich zwischen zwei anderen Fans, die den Schweiß in ihren T-Shirts großzügig bei vollem Körperkontakt mit mir teilten. Der Weg vom Stadtbahn-Bahnhof zum Stadion war dagegen wirklich schön, die Wege waren breit und die Kulisse der umgebenden Häuser hob sich angenehm von der Tristesse der in anderen Städten am Stadtrand neu gebauten Arenen ab. Der Ostwestfale an sich ging ruhig und gesittet zum Stadion und behielt auch am Getränkestand seine stoische Ruhe. Auch als ich mit meinen Kollegen einmal quer durch die Stehtribüne schob sorgte das nicht einmal für unbeteiligtes Schulterzucken.
Aber nun zum Spiel: Die Partie begann ohne all zu langes Abtasten, der SC Paderborn nahm sofort seine Favoritenrolle an und versuchte das Spiel zu machen. Der DSC stand allerdings defensiv sehr kompakt und schaffte es zwingende Chancen der Paderborner gar nicht erst entstehen zu lassen. Stattdessen gelangen mehrere schnelle Konter, durch die die Arminen in der ersten Halbzeit eindeutig die besseren Chancen hatten. So banale Dinge wie ein Spielaufbau wurden dabei links liegen gelassen. Meist war das Schema: Ball nach vorne, ein paar Meter laufen, ein freier Mitspieler am anderen Flügel, Seitenwechsel, auf zur Grundlinie, Flanke. Jedoch konnte man daraus kein Kapital schlagen, in der 22. Minute verhinderten zum Beispiel der Torwart und die Latte in enger Zusammenarbeit die Führung für die Blauen. Die einzig nennenswerte Szene der Paderborner in dieser Zeit war ein Zweikampf im Bielefelder Strafraum, bei dem sich die Arminen nicht über einen Elfmeter hätten beschweren können. Der Schiedsrichter ließ jedoch weiterspielen, so dass es nur bei einer kleinen Schrecksekunde blieb.
Wie schon am Tag zuvor beim Spiel von Allemannia Aachen gegen Borussia Mönchengladbach wurde auch hier das Spiel in der Mitte der ersten Halbzeit unterbrochen, um den Spielern eine Trinkpause zu gönnen. Diese Gelegenheit wurde auch dankbar angenommen und beide Trainer versuchten noch durch aufmunternde Worte und taktische Anweisungen noch etwas mehr aus dieser Pause herauszuholen. Der Capo nahm sich ein Beispiel und nutzte die Zeit ebenfalls, um seine Leute anzufeuern, er sorgte generell stets für genug Anfeuerung.
Als das Spiel weiterging rächte sich die schlechte Chancenverwertung des DSC noch in der 1. Halbzeit, als Meha in der 36. Minute mit der ersten richtigen Chance die Führung für den SC Paderborn erzielen konnte. Hier musste sich die Bielefelder Hintermannschaft an die eigene Nase fassen, der Torschütze wurde nicht attackiert, ganz allgemein ließ man die Paderborner bei diesem Angriff einfach zu lange gewähren. An diesem Punkt hatte ich mich schon voll auf das Spiel eingelassen, sang, schimpfte und gestikulierte als hätte ich nie etwas Anderes gemacht.
Das Gegentor sorgte kurz für Ruhe auf der Südtribüne, die aber schnell wieder von Fangesängen durchbrochen wurde. Die gute Vorstellung der Arminia bisher ließ ja schließlich noch hoffen.
Bis zur Pause konnte am Spielstand leider nichts mehr verändert werden, der DSC ging mit einem Rückstand in die Kabine. Nachdem schon während der 1. Halbzeit die Gästefans Abkühlung durch einen Feuerwehrschlauch bekommen hatte, kamen nun auch die Heimfans in diesen Genuss. Voraussetzung war allerdings, dass man sich auf dem unteren Teil der Tribüne befand, bis zu meinem Platz hat der Wasserstrahl nicht gereicht. Dafür waren andere Fans so nett ihr frisch gekauftes Wasser aus ihren Bechern über den anderen Zuschauern zu verteilen.
Die Ergebnisse aus den anderen Stadien sorgten vor Wiederanpfiff nochmal für gute Stimmung, auch weil zu diesem Zeitpunkt Münster noch gegen Bremen mit 1:2 in Rückstand lag.
Auch in der zweiten Halbzeit steckten die Bielefelder nie auf, auch wenn direkt nach Wiederbeginn die Paderborner beinahe auf 0:2 erhöht hätten. Das über die Linie gestocherte 1:1 sorgte für riesigen Jubel auf der Tribüne, danach waren die Gesänge direkt noch eine Stufe lauter und das ganze Stadion wieder wach. In diesem Moment habe ich die Ostwestfalen seit meinem Umzug nach Bielefeld zum ersten Mal richtig ausgelassen erlebt. Die Stimmung wurde aber noch einmal getoppt, als sich in der 86. Minute schon alle auf eine Verlängerung eingestellt hatten und das 2:1 für Bielefeld fiel. Die Stimmung danach war absolut Bundesligatauglich, alle Fans versuchten dieses Ergebnis über die Zeit zu singen. Das war letztendlich aber nicht einmal nötig, da bei einem Bielefelder Entlastungsangriff nach einem der jetzt schon recht wütenden Paderborner Angriffe ein Foul im Strafraum geschah und Bielefeld völlig zu Recht einen Elfmeter zugesprochen bekam. Das war der Moment in dem allen klar wurde, dass dem DSC selbst bei einem verschossenen Elfmeter dieser Sieg nicht mehr zu nehmen sein würde. Der Elfmeter wurde verwandelt und das 3:1 war schließlich auch der Endstand.
Wie ich später von meinem Mitbewohner erfahren habe, konnte man das lautstark skandierte "Auf Wiedersehen!" der Bielefelder Fans auch im zwei Kilometer entfernten Nordpark noch hören.
Heute haben die Blauen also die Chance genutzt um den Paderbornern zu zeigen, dass das letzte Wort im Kampf um die Spitzenstellung in der Region noch nicht gesprochen ist. In Sachen Stimmung und Kampfgeist haben mir die Bielefelder sehr gut gefallen, ich werde auf jeden Fall noch das eine oder andere Spiel besuchen um zu prüfen, ob man auch im grauen Liga-Alltag so eine tolle Atmosphäre erleben darf. Und ab jetzt verstehe ich auch etwas besser, was in den Menschen vorgeht, die mir an manchen Tagen in der Bahn über den Weg laufen und gerade zu Spielen wie gegen den SV Darmstadt 98 fahren.
Fußball funktioniert einfach. Auch in der 3. Liga.
Sonntag, 19. August 2012
Dienstag, 10. Juli 2012
Sacken lassen. Oder: Falsche Worte zur falschen Zeit
[Und schon wieder kein Beitrag von uns selbst, dafür einer von unserem Freund und Mitleser Hörnla - vielen Dank dafür]
Von Hörnla
Sacken lassen. Einfach sacken lassen. Eine Woche lang, eine kleine kurze Woche lang nichts kommentieren, an andere Dinge denken, der Sedimentation ihren Lauf lassen und schauen, was bleibt, wenn das Trübe gewichen ist und sich die Dinge gesetzt haben. Man geht damit durchaus ein Risiko ein heutzutage. Die EM, wann war die nochmal? Irgendein Ereignis der Prähistorie wohl. Kein Titel, nichts Bleibendes. Jetzt gilt es doch schon längst, die Bundesligatransfers zu verfolgen, Sammer hin und Kloppo her, hochspannende Berichte aus den Trainingslagern, der „kicker“ zeigt joggende Spieler vor sommerlicher Alpenkulisse (Wow, so geht also Vorbereitung? Unglaublich!), Rangliste hier und Testspiel da. Die EM? Lang lang ist’s her.
„Gegen Morgen in der grauen Frühe pissen die Tannen/Und ihr Ungeziefer, die Vögel fängt an zu schrein“, dichtete Bertolt Brecht dereinst in „Vom armen B.B.“. „To twitter“ heißt gemeinhin ja Zwitschern oder Schnattern und diese Übersetzung gibt in meinen Augen recht präzise wieder, welch gewaltiger Informationsgehalt in dieser extremen und auch in weniger extremen modernen Echtzeit- und Fastechtzeit-Kommunikationskanälen verbreitet wird. Keine Angst, das wird keine übliche Medienschelte, auch wenn das arg „Old School“ daherkommt. Ich drücke hier allerdings schon und lediglich meine Verwunderung darob aus, in welcher Geschwindigkeit jeglicher geistige Dünnpfiff heute abgeschissen werden kann. Das beeindruckt ab und an doch, auch wenn man als Profi natürlich weiß, dass in Zeiten des extremen Zeitdrucks natürlich die Texte für alle wesentlichen Ausgänge zum Beispiel eines Fußballspiels bereits vorher fix und fertig in der Schublade liegen. Aber auch wenn sich die daran Beteiligten immer so furchtbar innovativ und furchtbar wichtig vorkommen: dass zwischen „Hosianna“ und „Kreuziget ihn“ kein weiter Weg ist, das wissen die der abendländischen Tradition Bewussten schon seit gut 2000 Jahren. Was man leider vergessen zu haben scheint, was aber, wenn ich recht orientiert bin, bereits die alten Griechen wussten: wenn es etwas werden soll mit dem Nachdenken, mit dem Sich-eine-Meinung-bilden in der Diskussion, dann braucht man dazu Muße und dazu braucht man wiederum Zeit. So, genug der Vorrede. Kommen wir zu den Griechen in der Europameisterschaft (man beachte die meisterliche Überleitung).
Es gibt gewisse Topoi, die immer wieder und immer wieder gerne aufgerufen werden, wenn man vom Rathaus kommt, mithin schlauer ist. Zum Beispiel, dass die Griechen der leichteste Gegner waren, den die deutsche Mannschaft erwischen konnte. Ähnliches dürften sich bereits die Polen gedacht haben oder die Russen, die aber, oho oho, dann von den Griechen in der Vorrunde ausgeschaltet wurden. In meinen Augen mangelt es da an Respekt. Respekt, den eine niederländische Mannschaft, um nur ein Beispiel zu nennen – da sind ja so viele Stars dabei – immer a priori zugebilligt bekommt und den sie auch nicht verliert, wenn man mit 0 (in Worten: null!) Punkten auf dem Konto nach der Vorrunde nach Hause fährt. Griechenland kann dagegen wohl noch zehn Mal die EM gewinnen, das ist ein schwacher Gegner. Punktum.
Ein schnell gefälltes und im Wesentlichen unwidersprochen gebliebenes Blitzurteil folgte der EM auf dem Fuß: nichts Neues unter der Sonne, nichts Neues taktisch, usw. usf. Abhaken. Das finde ich, in Bezug auf das Spiel, nun ganz und gar nicht oder zumindest in dieser Pauschalisierung unrichtig und habe das andernorts auch bereits zu analysieren versucht (http://www.clubfans-united.de/2012/06/22/die-philosophie-der-berechenbarkeit/) Außerdem: da gab es doch ganz erhebliche Neuerungen. So zum Beispiel die Tatsache, dass die Verantwortlichen bei der Bildregie der so genannten Live-Übertragungen offenbar unter Rückgriff auf Muster aus Tragödie und Mythos Märchenspiele inszenieren anstatt live zu übertragen. Wir alle wissen, dass spätestens seit Photoshop und Konsorten verbunden mit der Auflösung des Originals in der digitalen Photographie dem Bild keinerlei dokumentierender Wert mehr zukommt. Alles schön und gut – aber im Hinterkopf hatte und hat man doch irgendwie noch, dass, trotz all der Kameras und Schnitte und Bildregie und so weiter, dass die Fernsehberichterstattung einem doch irgendwie ein im wesentlichen „wahres“ (Wahrheit – ogottogott, aber man weiß hoffentlich, wie’s gemeint ist) Bild der Geschehnisse vermittelt. Na gut, eigentlich könnte man wissen, dass das mit dem „live“ so eine Sache ist, immerhin könnte bei zu viel „live“ ja wieder mal ein Nippel einem Bustier entkommen, so (natürlich völlig ungewollt und ungeplant) geschehen, bei einer Oskar-Verleihung (in Bezug auf die beteiligten Personen und näheren Umstände hat die gütige Lethe bereits an mir ihr Werk getan). Auch wenn wir beim Herrenfußball sind – dem Zufall des Spiels dasselbe überlassen? Gott bewahre – womöglich überreißen Legionen von Faschingsfans dann zu oft, dass Fußballspiele auch und gar nicht mal so selten stinkend langweilig sein können. Nein, wo rasante Schnitte nicht mehr ausreichen, um einem anämischen Gegurke Leben und Rasanz und angebliche Athletik einzuhauchen, da kann man es ja mit Einsprengseln versuchen dergestalt, dass ein Bundestrainer während des Spiels offenbar locker genug ist, einem Balljungen das Bällchen schalkhaft zu entwenden oder dass zur Halbzeit eine deutsche Fanin bereits durch ihre Tränen zeigt, dass sie dabei ist, alle Hoffnung fahren zu lassen. In der „SZ“ stand ein Interview zu lesen mit irgendeinem Medienprofi, der bereits führend an der medialen Aufbereitung mehrerer hochkarätiger Sportereignisse beteiligt war und dieser Herr zeigte völliges Unverständnis dafür, dass man Unbehagen empfinden, ja dass man sich verwundert zeigen könnte angesichts einer Live-Berichterstattung, die gar nicht mal so „live“ ist. Die gesendeten Geschehnisse seien doch passiert und es sei doch Sache des künstlerisch Verantwortlichen sie zu senden, wenn es denn passe. Basta. Aha. Damit befindet sich der gute Mann medientechnisch sicherlich im 21. Jahrhundert, semiotisch, in Bezug auf den Stand des Nachdenkens über die Zeichen und ihre Bedeutung aber irgendwie zur Zeit der Völkerwanderung. Kurz gesagt: nicht technisch aber theoretisch ließe einen derartigen Gimpel jeder Akteur von Ecos Rosenroman locker aussteigen. Über 1500 Jahre abendländische Geistesgeschichte, um dann bei sowas anzukommen. Grauslich! Das wäre mal ein Kritikpunkt, an dem anzusetzen sich lohnte. Aber dann müsste man vielleicht auch darüber nachdenken, warum die Politiker ihre wegweisenden und wichtigen und potentiell unbeliebt machenden Entscheidungen gerne während solcher Großereignisse wie WM oder EM auf den Weg bringen. Die inszenierte sportliche Mär, sich hemmungslos an den Erzählmodellen von Tragödie bis Mythos bedienend, muss perfekt sein – dann ist einem der Rest scheißegal. Aber auch das wussten bekanntlich bereits die alten Römer.
Die meisten, die bei einem Großereignis wie der EM die Spiele („der Deutschen“ natürlich) verfolgen, wissen nichts. Nichts vom Fußball, nichts von der Schönheit des Spiels, nichts von der oft genug enervierenden Langweiligkeit desselben Spiels. Was aber alle wissen: Titel sind gut. Titel müssen her, so äußert sich die sportliche Leitung vorher, Titel sind toll, wir sind reif für Titel. Das schöne Spiel? Wer erinnert sich noch an die üblen Auftritte der deutschen Nationalmannschaft unter Trainerdarstellern wie Ribbeck und Völler, wem sind diese bleiernen Zeiten noch im Gedächtnis, wer kann noch Dank empfinden, dass das spätestens seit den Zeiten von Klinsmann und Löw in der Regel nicht mehr gilt? Mit den paar, die sich daran erinnern – und hier beginnt meine Kritik an der Kritik von Arnd Zeigler – kann man keinen Staat machen. Mit den paar, die sich dann auch fanden zum Finale-Gucken, als die Mehrheit die EM längst abgehakt hatte, als Fehlschlag, als Ärgernis, als einzige Enttäuschung, mit den paar, die – ein wenig Gerechtigkeit gibt es dann doch noch auf dieser Welt – in den Genuss eines der besten Spiele des Turniers kamen, mit den paar kann man den Fußballzirkus, den wir alle inzwischen gewohnt sind, nicht finanzieren. Um es noch klarer zu sagen: die von Zeigler angeprangerte Respektlosigkeit des Sportgroßinquisitors „BILD“, um nur ein wüstes Beispiel zu nennen, ist nichts anderes als die andere Seite der Medaille, die eine derartige Aufmotzung eines Fußballturniers erst möglich gemacht hat. Die eine ist aber ohne die andere Seite nicht zu haben.
Es ist etwas, an das wir in unserer selbstverantwortungslosen, klagelüsternen Kuschelwelt ungern erinnert werden, aber es ist trotzdem wahr: alle Dinge haben ihren Preis. Man muss für alles bezahlen. Wer 27000 Kameras ist Stadion will, 20 Schiedsrichter und künftig auch noch GoalRef und HawkEye, wer Stars will und Begeisterung und Hype und Autokorsos und nochmal Begeisterung und immer wieder wiederholbare Sommermärchen, wer all das finanzieren will, der kann das nicht nur mit Leuten tun, die sich über Raute oder Nicht-Raute den Kopf zerbrechen und durchaus schon mal ein Spiel am heimischen Fernseher ansehen und die den TV auch nicht zwei Stunden vor Anpfiff einschalten und erst drei Stunden danach ausmachen. Wer will, dass all die Verbände, Spieler, Trainer, Unterstützungsteams, Medienanstalten, Werbeagenturen, Sportartikelhersteller, Gastronomen, Brauereien bis hin zu den Servicekräften in den Kneipen ihr Geld verdienen, der braucht nicht das Spiel, der braucht den Event. Der muss Leute, die sich nicht die Bohne für Fußball interessieren, dazu bringen, sich ein Trikot zu kaufen, sich anzumalen, als wäre schon Fasching, sich stundenlang in der glühenden Sonne beim Public Viewing mit überteuerten Getränken besinnungslos zu saufen. Dann kann man solche Turniere, dann kann man solche Gehälter finanzieren, dann kann man solche (Un-)Summen bewegen. Wer also jetzt im Nachhinein A sagt, sprich: böse böse „BILD“, die in seltener Häme und Respektlosigkeit unsere Nationalspieler abledert, der muss auch B sagen und vorher (!!!), ja weit vorher die Stimme erheben, wenn wochenlang gelobhudelt wird, wenn jeder Pups aus dem Nationalmannschaftshauptquartier berichtenswert erscheint, wenn plötzlich wichtig ist, dass der Schweini nicht mehr Schweini sein will und dass der Özil die Merkel, die in Bezug auf Anbiederung ja keinerlei Schamgrenze kennt, cool findet und dass den Gomez grad was zwickt und was der Philipp grad so denkt. Wer kritisiert, dass nun gehöhnt wird, Lahm spreche wie ein Politiker, der erhebe bitteschön seine Stimme auch, wenn wochenlang jedes ebenso politikereske Statement sendens- und schreibenswert erscheint, wenn wochenlang Nullnachrichten stundenlang ausgewalzt werden und wenn alle Kanäle des Äthers mit diesen Absonderungen von Menschen, die zuletzt tatsächlich an ihre eigene Bedeutung glauben, vollgemüllt werden. Wer das eine verdammt, sollte zum anderen auch nicht schweigen. Oder, was wahrscheinlich das Klügste wäre: beides ignorieren. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. In zwei Jahren bei der WM werden wir eine weitere Steigerung des Hypes erleben. So ist das halt.
Samstag, 30. Juni 2012
Die richtigen Worte zur richtigen Zeit (Offener Brief von Arnd Zeigler)
Seit langem mal wieder ein Post von uns - und dann haben wir ihn nicht selber geschrieben. Aber das, was Arnd Zeigler hier sagt, spricht uns einigen von uns(!) aus dem Herzen und muss Verbreitung finden:
"Wenn ich mal eben offen reden darf: Dieses unglaubliche Rumgeflenne überall über die Niederlage gegen Italien ist erbärmlich und unwürdig.
Wer jetzt so tut als seien die deutschen Spieler nach der ersten Niederlage nach 16 Siegen hintereinander (oder wieviele waren es?) plötzlich alles Vollpfosten, Totalversager und Nullen und ihr Trainer ein Nichtskönner, der hat den Fußball nicht mal im Ansatz verstanden.
Wer es nach Siegen gegen Portugal, Holland, Dänemark und Griechenland nicht ertragen und akzeptieren kann, dass andere an manchen Tagen vielleicht einfach mal besser sind, der sollte möglicherweise Sport ganz allgemein meiden.
Wer jetzt ganz genau weiß, dass die Wechsel alle verkehrt waren, hat das möglicherweise schon nach dem Griechenland-Spiel posten wollen, aber da haben wir ja dann dummerweise gewonnen.
Wer jetzt Spieler wie Schweinsteiger, Gomez oder Lahm hinstellt wie hoffnungslose Nulpen, die einfach zu schlecht sind - wer nicht ein Grundmaß an Respekt dafür aufbringen kann, wie ein Sportler (= Mensch) funktioniert, der liebt in Wirklichkeit nicht den Fußball, sondern setzt sich bräsig vor die Glotze und will ein möglichst gutes Preis-Leistungsverhältnis, und so einen blöden Europameistertitel kann man doch schon mal voraussetzen.
Das Gerede von unserer angeblich „zu netten“ Elf und den fehlenden Schweinehunden ist eine populistische Scheißdebatte ohne jeden Nährwert. An irgendwas muss es jetzt liegen, weil es so schwer zu ertragen ist, dass da einfach jemand an einem Abend ganz banal etwas besser Fußball gespielt hat. Und deshalb werden jetzt solche Kackthesen an den Haaren herbeigezogen.
Hätte Deutschland gegen Italien verloren, wenn eine der großen Chancen der Anfangsviertelstunde genutzt worden wäre? Ziemlich sicher nicht. Aber so geht Hummels Schuss nach fünf Minuten eben NICHT rein und die italienische Hintermannschaft murmelt sich den Ball fünf Zentimeter neben das eigene Tor, und schon stellt man hilf- und phantasielos Dinge in Frage, die über Jahre großartig waren.
Nach 9 Punkten in der Todesgruppe, übrigens ausnahmslos gegen Teams, in denen ausgemachte Schweinehunde standen (Pepe! Van Bommel! Agger!), waren unsere Jungs noch nicht zu nett. Nun sind sie es plötzlich.
Die Italiener wiederum, die bei einem minimal anderen Spielverlauf gegen uns möglicherweise ausgeschieden wären, wären in diesem Fall wahrscheinlich als überalterte, fußballerisch limitierte Elf abgekanzelt worden, die gegen eine moderne deutsche Elf verliert, die aufgrund ihrer technischen Überlegenheit ohne Fouls auskommt. Wäre so gekommen, glaubt mir. Und deshalb ist so eine Diskussion Kinderkram und reines Medien-Tamtam. Und hochgradig albern.
Und heute nun ballert also unvermeidbarerweise die BILD noch mal ordentlich dazwischen und füttert die Diskussionen am Stammtisch und anderswo mit Schlagzeilen wie: "BILD rechnet ab: Schweini wird nie ein Chef - Gomez hat nur die Haare schön - Lahm labert wie ein Politiker - Luxus-Versager - SO verhätschelt der DFB die Stars - Das Schreiben die BILD-Leser: Fan-Wut auf Nationalelf". Das geht jetzt wieder, weil Robert Enke schon lange genug tot ist.
Es ist wirklich interessant zu beobachten, dass es für ein Abschneiden wie diesmal bei der BILD (und überraschenderweise auch bei vielen Fußball-Konsumenten) gar keine Kategorie mehr gibt. Es gibt nur "Europameister" oder "Vollversager". Die merken gar nicht, dass Deutschland vorher Portugal, Holland, Dänemark und die Griechen geschlagen hat, mit zum Teil phantastischem Fußball. Und gegen Italien nicht sang- und klanglos eingegangen ist und deklassiert wurde, sondern durch zwei Abwehrfehler gegen einen an diesem Tag einfach starken Gegner verloren hat, der im Gegensatz zu uns seine Chancen verwertet hat.
Das alles rechtfertigt jetzt scheinbar einen Frontalangriff auf die Würde der Spieler. 2004 haben wir gegen Tschechiens B-Mannschaft verloren, gegen Lettland unentschieden gespielt und sind sieglos in der EM-Vorrunde gescheitert. Unsere Mannschaft diesmal wird von der BILD exakt genauso behandelt wie die Mannschaft damals. Und wir leben jetzt scheinbar in einer Zeit, wo zweite, dritte oder vierte Plätze bei Weltklasse-Turnieren nicht mehr ausreichen, um das Abschneiden positiv einzuordnen. Ich glaube, wenn man die Schlagzeilen der BILD in England, Holland, Frankreich oder Argentinien liest, lacht man sich tot über die Art und Weise, wie hier mit der Leistung der deutschen Elf umgegangen wird.
Sehr komisch ist auch, dass als purer, mechanischer Akt der Einfallslosigkeit mit einer Trainerdiskussion begonnen wird. Unsere Pflichtspiel-Bilanz vor dem unglücklichen EM-Aus:
4:2 gegen Griechenland
2:1 gegen Dänemark
2:1 gegen Holland
1:0 gegen Portugal
3:1 gegen Belgien
3:1 in der Türkei
6:2 gegen Österreich
3:1 in Aserbeidschan
2:1 in Österreich
4:0 gegen Kasachstan
3:0 in Kasachstan
3:0 gegen die Türkei
6:1 gegen Aserbeidschan
1:0 in Belgien.
Vierzehn Siege hintereinander. Davor das Spiel um Platz 3 bei der WM, 3:2 gegen Uruguay. Davor das WM-Aus gegen Spanien, knapp mit 0:1, und davor: 4:0 gegen Argentinien, 4:1 gegen England und so weiter und so fort. Das ist Joachim Löws Arbeitsnachweis und Bilanz. Dass jetzt ernsthaft über sein Schicksal als Bundestrainer diskutiert wird, ist eigentlich sehr komisch, wenn es nicht so traurig wäre.
Ihr, die ihr jetzt alles so furchtbar und so peinlich und so vorhersehbar findet, was da gegen Italien passiert ist: Was würdet ihr tun, wäret ihr Fans des Karlsruher SC oder von Magdeburg oder von Preußen Münster? Euch Woche für Woche die Pulsadern aufschneiden, weil eure Lieblingsspieler manchmal schlecht spielen? Und sogar wichtige Spiele verliert?
Ich finde Facebook in diesen Tagen ganz, ganz eklig. Und wenn ich mir vorstelle, wie ein scheinbar gar nicht mal so kleiner Teil meiner Mit-Fans im Stadion zu ticken scheint, fröstelt es mich."
(Quelle: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10151000089867943&id=273426262942 )
"Wenn ich mal eben offen reden darf: Dieses unglaubliche Rumgeflenne überall über die Niederlage gegen Italien ist erbärmlich und unwürdig.
Wer jetzt so tut als seien die deutschen Spieler nach der ersten Niederlage nach 16 Siegen hintereinander (oder wieviele waren es?) plötzlich alles Vollpfosten, Totalversager und Nullen und ihr Trainer ein Nichtskönner, der hat den Fußball nicht mal im Ansatz verstanden.
Wer es nach Siegen gegen Portugal, Holland, Dänemark und Griechenland nicht ertragen und akzeptieren kann, dass andere an manchen Tagen vielleicht einfach mal besser sind, der sollte möglicherweise Sport ganz allgemein meiden.
Wer jetzt ganz genau weiß, dass die Wechsel alle verkehrt waren, hat das möglicherweise schon nach dem Griechenland-Spiel posten wollen, aber da haben wir ja dann dummerweise gewonnen.
Wer jetzt Spieler wie Schweinsteiger, Gomez oder Lahm hinstellt wie hoffnungslose Nulpen, die einfach zu schlecht sind - wer nicht ein Grundmaß an Respekt dafür aufbringen kann, wie ein Sportler (= Mensch) funktioniert, der liebt in Wirklichkeit nicht den Fußball, sondern setzt sich bräsig vor die Glotze und will ein möglichst gutes Preis-Leistungsverhältnis, und so einen blöden Europameistertitel kann man doch schon mal voraussetzen.
Das Gerede von unserer angeblich „zu netten“ Elf und den fehlenden Schweinehunden ist eine populistische Scheißdebatte ohne jeden Nährwert. An irgendwas muss es jetzt liegen, weil es so schwer zu ertragen ist, dass da einfach jemand an einem Abend ganz banal etwas besser Fußball gespielt hat. Und deshalb werden jetzt solche Kackthesen an den Haaren herbeigezogen.
Hätte Deutschland gegen Italien verloren, wenn eine der großen Chancen der Anfangsviertelstunde genutzt worden wäre? Ziemlich sicher nicht. Aber so geht Hummels Schuss nach fünf Minuten eben NICHT rein und die italienische Hintermannschaft murmelt sich den Ball fünf Zentimeter neben das eigene Tor, und schon stellt man hilf- und phantasielos Dinge in Frage, die über Jahre großartig waren.
Nach 9 Punkten in der Todesgruppe, übrigens ausnahmslos gegen Teams, in denen ausgemachte Schweinehunde standen (Pepe! Van Bommel! Agger!), waren unsere Jungs noch nicht zu nett. Nun sind sie es plötzlich.
Die Italiener wiederum, die bei einem minimal anderen Spielverlauf gegen uns möglicherweise ausgeschieden wären, wären in diesem Fall wahrscheinlich als überalterte, fußballerisch limitierte Elf abgekanzelt worden, die gegen eine moderne deutsche Elf verliert, die aufgrund ihrer technischen Überlegenheit ohne Fouls auskommt. Wäre so gekommen, glaubt mir. Und deshalb ist so eine Diskussion Kinderkram und reines Medien-Tamtam. Und hochgradig albern.
Und heute nun ballert also unvermeidbarerweise die BILD noch mal ordentlich dazwischen und füttert die Diskussionen am Stammtisch und anderswo mit Schlagzeilen wie: "BILD rechnet ab: Schweini wird nie ein Chef - Gomez hat nur die Haare schön - Lahm labert wie ein Politiker - Luxus-Versager - SO verhätschelt der DFB die Stars - Das Schreiben die BILD-Leser: Fan-Wut auf Nationalelf". Das geht jetzt wieder, weil Robert Enke schon lange genug tot ist.
Es ist wirklich interessant zu beobachten, dass es für ein Abschneiden wie diesmal bei der BILD (und überraschenderweise auch bei vielen Fußball-Konsumenten) gar keine Kategorie mehr gibt. Es gibt nur "Europameister" oder "Vollversager". Die merken gar nicht, dass Deutschland vorher Portugal, Holland, Dänemark und die Griechen geschlagen hat, mit zum Teil phantastischem Fußball. Und gegen Italien nicht sang- und klanglos eingegangen ist und deklassiert wurde, sondern durch zwei Abwehrfehler gegen einen an diesem Tag einfach starken Gegner verloren hat, der im Gegensatz zu uns seine Chancen verwertet hat.
Das alles rechtfertigt jetzt scheinbar einen Frontalangriff auf die Würde der Spieler. 2004 haben wir gegen Tschechiens B-Mannschaft verloren, gegen Lettland unentschieden gespielt und sind sieglos in der EM-Vorrunde gescheitert. Unsere Mannschaft diesmal wird von der BILD exakt genauso behandelt wie die Mannschaft damals. Und wir leben jetzt scheinbar in einer Zeit, wo zweite, dritte oder vierte Plätze bei Weltklasse-Turnieren nicht mehr ausreichen, um das Abschneiden positiv einzuordnen. Ich glaube, wenn man die Schlagzeilen der BILD in England, Holland, Frankreich oder Argentinien liest, lacht man sich tot über die Art und Weise, wie hier mit der Leistung der deutschen Elf umgegangen wird.
Sehr komisch ist auch, dass als purer, mechanischer Akt der Einfallslosigkeit mit einer Trainerdiskussion begonnen wird. Unsere Pflichtspiel-Bilanz vor dem unglücklichen EM-Aus:
4:2 gegen Griechenland
2:1 gegen Dänemark
2:1 gegen Holland
1:0 gegen Portugal
3:1 gegen Belgien
3:1 in der Türkei
6:2 gegen Österreich
3:1 in Aserbeidschan
2:1 in Österreich
4:0 gegen Kasachstan
3:0 in Kasachstan
3:0 gegen die Türkei
6:1 gegen Aserbeidschan
1:0 in Belgien.
Vierzehn Siege hintereinander. Davor das Spiel um Platz 3 bei der WM, 3:2 gegen Uruguay. Davor das WM-Aus gegen Spanien, knapp mit 0:1, und davor: 4:0 gegen Argentinien, 4:1 gegen England und so weiter und so fort. Das ist Joachim Löws Arbeitsnachweis und Bilanz. Dass jetzt ernsthaft über sein Schicksal als Bundestrainer diskutiert wird, ist eigentlich sehr komisch, wenn es nicht so traurig wäre.
Ihr, die ihr jetzt alles so furchtbar und so peinlich und so vorhersehbar findet, was da gegen Italien passiert ist: Was würdet ihr tun, wäret ihr Fans des Karlsruher SC oder von Magdeburg oder von Preußen Münster? Euch Woche für Woche die Pulsadern aufschneiden, weil eure Lieblingsspieler manchmal schlecht spielen? Und sogar wichtige Spiele verliert?
Ich finde Facebook in diesen Tagen ganz, ganz eklig. Und wenn ich mir vorstelle, wie ein scheinbar gar nicht mal so kleiner Teil meiner Mit-Fans im Stadion zu ticken scheint, fröstelt es mich."
(Quelle: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10151000089867943&id=273426262942 )
Dienstag, 15. Mai 2012
Pfeifende Pfeifen und randalierende Rüpel
Der Fußball entlockt dem Fan die verschiedensten Emotionen: Eine Meisterschaft kann ein persönliches Jahr voller Verluste und Niederlagen vergessen machen, ein Abstieg alles Positive auf der Welt überschatten. Daher ist es normal und auch gewollt, dass im Stadion die ganze Bandbreite der Emotionen durch das Rund schwappen kann. Aber auffällig ist hier in letzter Zeit auch wie dabei anscheinend immer öfter der Sinn für angemessenes Verhalten vor dem Stadion an der Eingangskontrolle abgelegt wird.
Nicht ganz neu ist, dass schlechte Leistungen der Männer auf dem Feld mit Pfiffen bedacht werden. Je nach Verein schwankt die Bereitschaft zu pfeifen und auch die Intensität der Pfiffe. Jedoch hat sich in den letzten Jahren besonders das Pfeifen gegen ehemalige Spieler des eigenen Vereins enorm gesteigert.
In manchen Fällen kann man den Fan verstehen. Sein Lieblingsspieler hat nach wochenlangen Liebesbekundungen an seinen Verein doch den Wechsel zum Erzrivalen bekannt gegeben. Oder der Spieler, der jahrelang von den Kollegen mehr schlecht als recht mitgezogen wurde wechselt nach einer guten Saison zu einem anderen Verein. Hier ist ein gewisser Unmut verständlich und man kann dem Fan kaum verübeln, dass er beim nächsten Wiedersehen etwas Nachtragend ist.
Anders liegt der Fall für mich jedoch bei normalen Vereinswechseln. Besonders missfallen haben mir hier zwei Situationen am 28. Spieltag. Beim Spiel von Mönchengladbach in Hannover wurde Mike Hanke mit Pfiffen bedacht, zur gleichen Zeit geschah dies auch mit Chinedu Obasi beim Spiel von Schalke in Hoffenheim.
Bei Mike Hanke war diese Reaktion der Fans besonders verwunderlich, da er in Hannover weggeschickt wurde und damals zu einem fast sicheren Absteiger wechselte. Woher hier also ein Groll gegen den Spieler stammen sollte ist nur schwer zu begreifen.
Aber die Gladbacher kann ich hier auch nicht unerwähnt lassen, die seit seinem Wechsel an die Weser jedes Jahr auf ein neues mit lautstarkem Pfeifen auf jeden Ballkontakt von Marko Marin reagieren. Dabei sollte man ihm dankbar sein, dass man dank seines Transfererlöses Geld in einen Marco Reus investieren konnte. Und auch im Fußball sollte es möglich sein einen etwas unsauber geführten Transfer irgendwann ruhen zu lassen.
Bei einer anderen Erscheinung sind Fans aus Berlin und Frankfurt die Vorreiter. Anstatt den Platz zu stürmen um mit ihren Fans eine erfolgreiche Saison zu feiern suchten sie den Weg auf den Platz um ihre Mannschaft über das Feld zu jagen. Solche Szenen wurden danach scharf verurteilt und sollten in dieser Form eigentlich nie wieder auftauchen. Jedoch ist es nur der schnellen Reaktion des Ordnungsdienstes und der Polizei zu verdanken, dass genau dies nicht in in Karlsruhe nach dem Abstieg des KSC in die dritte Liga erneut geschehen ist. Die aus dem Fanblock stürmenden Fans wurden sofort von ebenfalls heranstürmender Polizei zurückgedrängt. Damit blieben dem Publikum die schon bekannten Jagdszenen erspart.
Nun bleibt abzuwarten welche Reaktionen die Fans von Hertha BSC zeigen werden falls das Abstiegsgespenst sich im Rückspiel der Relegation Morgen nicht vertreiben lässt. Rauchbomben wie im Fall Köln wären wohl noch eine der harmloseren Möglichkeiten.
Die Kölner haben aber dafür in dieser Saison dem Verhalten ausserhalb des Stadions die Krone aufgesetzt. Die Mannschaft wurde nach Niederlagen verfolgt oder am nächsten Tag am Trainingsplatz zur Rede gestellt. Begleitende Polizeikräfte wurden zur Regel statt zur Ausnahme, ein Spaziergang der Mannschaft im Park mit einem Polizeiwagen im Schlepptau löste irgendwann nur noch ein Kopfschüteln aus. Aber am Ende der Saison sogar die Spieler nachts in ihrem zu Hause aufsuchen zu wollen um sie zur Rede zu stellen geht eindeutig zu weit, die Familien der Spieler auf diese Weise zu verstören ist unverantwortlich.
Der Vorstand beim 1. FC Köln ist inzwischen wieder besetzt und kann den sportlichen Abstieg nutzen um sich neu aufzustellen. Vielleicht sollte die Fanszene in Köln nach dem Ausschluss der Wilden Horde über Ähnliches nachdenken.
Der Fußball hat über die Jahre einige Entwicklungen zum Negativen erleben müssen, aber immer wieder die Kurve bekommen. Man kann also wohl darauf hoffen, dass die Fanszene genug Kraft hat um solche Auswüchse mit der Zeit wieder aus den Stadien verschwinden zu lassen.
Montag, 7. Mai 2012
Montagskolumne: Antrag auf Gerechtigkeit
Die 48. Fußballbundesliga-Saison ist Geschichte – und doch noch immer nicht ganz vorbei. Vor dem letzten Spieltag waren die ersten vier Plätze vergeben. Ebenso stand fest, dass Kaiserslautern die rote Laterne bis zum Ende würde tragen müssen. Und das gelang ihnen auch in Hannover wieder eindrucksvoll… Aber wenn uns die Pfälzer schon das Licht spenden, werfen wir noch einmal einen Blick in den Keller.
Mit der Renaissance der Relegation vor 4 Jahren gibt es auch nach Ende der regulären Saison noch einmal Grund für Spannung. Wie dicht Freud und Leid beieinander liegen können, hat Gladbach letzte bzw. diese Saison gezeigt. Nun gibt’s Europapokal statt dem Erzgebirgsstadion in Aue. So schnell kann es gehen. „Siehst Du Hertha, so wird es gemacht!“ . Damit nun zum Tagesgeschäft. Ab Donnerstag müsses sich jedenfalls die Berliner erst einmal beweisen um dem Abstieg auch wirklich zu entgehen.
Doch es stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung sie dies überhaupt tun dürfen. Etwa weil Michael Preetz seinem Ex-Trainer Markus Babbel schon seit Wochen ganz ungeniert hinterher weint. Oder weil es Otto Rehhagel geschafft hat, das Team noch erfolgloser spielen zu lassen als sie es unter Michael Skibbe taten? Zweifellos verdient beides Anerkennung. Bemerkenswert, wie sie sich mit ihren eigenen (stumpfen) Waffen haben selbst schlagen können. Doch mache das mal einer den Kölnern klar. Solche Probleme kennen die gar nicht. Stattdessen bleiben sie sich stets treu und suchen den neuen Präsidenten gar dem Namen nach aus. Ein Spinner beim FC – der Name scheint Programm. Aber im Ernst: Nicht nur jener Unterhaltungswert, sondern auch die in der Saison gezeigten Leistungen waren für mich insgesamt ansprechender als die der Berliner – wenngleich der fest eingeplante Sieg gegen die Bayern am Wochenende sehr naiv war. Immerhin dokumentiert es mal wieder Spaßfaktor. Und noch ein Grund, mit dem Berlin seine Bundesligazugehörigkeit verwirkt hat: die Tatsache, dass das Olympiastadion bei einem solch wichtigen Spiel nicht ausverkauft war und die Stimmung laut Sky-Kommentator „mittelmäßig“ war. Nein, einen solchen Hauptstadtklub hat die Bundesliga nicht nötig.
Wie es in der Relegation auch ausgehen mag, bin ich diese Saison mit der Ab- und Aufsteigsregelung nicht glücklich. Die Ausstellung des Armutszeugnisses für den HSV, Köln, Hertha und Lautern wäre Papierverschwendung. Insofern sollte es für alle vier runtergehen. Kompliment dagegen an die Männer aus Augsburg und Freiburg, die sich ihren Verbleib wahrhaftig erarbeitet und verdient haben. Genauso wie Düsseldorf, St. Pauli und Paderborn (!!!), die ihrerseits für ein furioses Aufstiegsrennen in der 2. Liga auf ganz sympathische Weise sorgten und daher aufsteigen sollten. Mit Paderborn hätten wir immerhin wieder eine graue Maus in der ersten Liga. Schade nur, dass es bei dieser Forderung weder zu einem Elbe- noch zu einem Rheinderby in der ersten Liga kommen wird…
Dennoch mein Appell an Sie, Herr Niersbach: Fassen Sie sich ein Herz für die erste richtige Amtshandlung und lassen Sie 4 Absteiger sowie 4 Aufsteiger zu! Solche Arbeitsverweigerungen gehören jedenfalls auch bei sogenannten Traditionsmannschaften bestraft.
(SS)
Mittwoch, 25. April 2012
Barcelona - Chelsea: Eine Ode an den Fussball
Der eine oder andere wird sich über den Titel dieses Blogeintrages wundern, war das gestrige Champions League Spiel zwischen der angeblich besten Mannschaft der Welt und dem Abramowitsch-Klub aus West-London alles andere als ein spielerischer Leckerbissen. Chelsea mauerte und Barca versuchte mit seinem typischen Kurzpassspiel eine Lücke zu finden. Jedes Bundesligaspiel, das man so beschreiben würde, hätte schon längst den Stempel "Langweilig!" groß sichtbar auf der Stirn und man würde im Kicker-Rückblick maximal ein Blick auf das Spielschema, aber nicht auf der Artikel dazu werfen.
Doch was da gestern geschah, war in zweierlei Hinsicht spektakulär.
Zum einen - und das war die eigentliche Werbung für den Fussball - sah man ein Spiel, dass alles bot, was der Fussball im Repertoire hat. Die rote Karte für John Terry, ein verschossener Elfmeter zu einem Zeitpunkt, an dem man das Spiel kippen konnte, wunderbare Tore (nicht zuletzt der 2:1-Anschlußtreffer Ramires war mehr als Messiresk ... oder um es mit Marcel Reif zu sagen: "Ein unfassbares Tor!"), einen Torres-Treffer (dass der nochmal eine Bude macht hätte ich nicht gedacht ;-) ), Spannung bis zum Ende und letztendlich ein Weiterkommen des krassen Außenseiters. Ob das Erreichen des Finales in München für Chelsea letztendlich verdient war oder nicht, sei mal dahin gestellt. Das Fairnessbewusstsein eines jeden Fans würde wahrscheinlich sagen nein, da auf dem Platz gestern die Zeitschinderei und dergleichen ja bis zum Exzess praktiziert wurden. Wer als Profi in der 68. Minute mit einem Krampf auf dem Boden liegt, wie ein Herr Drogba, der verliert schnell an Glaubwürdigkeit und Sympathie. Aber das steht alles auf einem anderen Blatt und dazu gibt es einen erstklassigen Beitrag an anderer Stelle: "Fussball ist Krieg" - Eine Gegendarstellung
Ein zweiter Aspekt zum Spiel fiel mir gestern in der Sportsbar, in der wir uns das Spiel ansahen, auf: Noch vor einem Jahr galt der FC Barcelona als das Maß aller Dinge. Jeder wollte dieses Team spielen sehen, jeder schnalzte mit der Zunge, wenn Iniesta Messi in die Spitze schickte. Doch gestern zeigte sich auch an den Besuchern, dass Ruhm vergänglich ist. Als Torres alleine auf das Tor von Victor Valdes zulief,den 2:2 Ausgleichstreffer erzielte und damit den Sack zumachte, stand der Laden Kopf und ca. 90 % aller anwesenden Gäste jubelten über das Tor der Maurer aus London. Kaum jemand wollte sehen, wie sich der FC Barcelona, trotz seiner großartigen Spielweise, den nächsten Titel unter den Nagel reißt. Ich möchte nicht abstreiten, dass es zu einem gewissen Teil auch am möglichen Finaleinzug des FC Bayern liegt und man Chelsea als leichteren Gegner betrachtet. Nichtsdestotrotz merkt man, dass der beste Fussball der Welt hier und da ein wenig nervt. Die Stimmung bewegt sich woanders hin.
Aus dem Spiel nimmt man wenig mit, außer dem tollen Gefühl, einen großartigen Sport zu lieben und die Hoffnung, dass wir heute Abend ein ebenso gutes Spiel sehen mit dem hoffentlich besseren Ende für die Bayern aus München.
Doch was da gestern geschah, war in zweierlei Hinsicht spektakulär.
Zum einen - und das war die eigentliche Werbung für den Fussball - sah man ein Spiel, dass alles bot, was der Fussball im Repertoire hat. Die rote Karte für John Terry, ein verschossener Elfmeter zu einem Zeitpunkt, an dem man das Spiel kippen konnte, wunderbare Tore (nicht zuletzt der 2:1-Anschlußtreffer Ramires war mehr als Messiresk ... oder um es mit Marcel Reif zu sagen: "Ein unfassbares Tor!"), einen Torres-Treffer (dass der nochmal eine Bude macht hätte ich nicht gedacht ;-) ), Spannung bis zum Ende und letztendlich ein Weiterkommen des krassen Außenseiters. Ob das Erreichen des Finales in München für Chelsea letztendlich verdient war oder nicht, sei mal dahin gestellt. Das Fairnessbewusstsein eines jeden Fans würde wahrscheinlich sagen nein, da auf dem Platz gestern die Zeitschinderei und dergleichen ja bis zum Exzess praktiziert wurden. Wer als Profi in der 68. Minute mit einem Krampf auf dem Boden liegt, wie ein Herr Drogba, der verliert schnell an Glaubwürdigkeit und Sympathie. Aber das steht alles auf einem anderen Blatt und dazu gibt es einen erstklassigen Beitrag an anderer Stelle: "Fussball ist Krieg" - Eine Gegendarstellung
Ein zweiter Aspekt zum Spiel fiel mir gestern in der Sportsbar, in der wir uns das Spiel ansahen, auf: Noch vor einem Jahr galt der FC Barcelona als das Maß aller Dinge. Jeder wollte dieses Team spielen sehen, jeder schnalzte mit der Zunge, wenn Iniesta Messi in die Spitze schickte. Doch gestern zeigte sich auch an den Besuchern, dass Ruhm vergänglich ist. Als Torres alleine auf das Tor von Victor Valdes zulief,den 2:2 Ausgleichstreffer erzielte und damit den Sack zumachte, stand der Laden Kopf und ca. 90 % aller anwesenden Gäste jubelten über das Tor der Maurer aus London. Kaum jemand wollte sehen, wie sich der FC Barcelona, trotz seiner großartigen Spielweise, den nächsten Titel unter den Nagel reißt. Ich möchte nicht abstreiten, dass es zu einem gewissen Teil auch am möglichen Finaleinzug des FC Bayern liegt und man Chelsea als leichteren Gegner betrachtet. Nichtsdestotrotz merkt man, dass der beste Fussball der Welt hier und da ein wenig nervt. Die Stimmung bewegt sich woanders hin.
Aus dem Spiel nimmt man wenig mit, außer dem tollen Gefühl, einen großartigen Sport zu lieben und die Hoffnung, dass wir heute Abend ein ebenso gutes Spiel sehen mit dem hoffentlich besseren Ende für die Bayern aus München.
Montag, 23. April 2012
Montagskolumne: Eine neue Gewaltdimension
In unserer heutigen Kolumne wollen wir uns zuerst mit einem
Thema auseinandersetzen, dass uns sehr zu denken gegeben hat.
Es geht um den Angriff auf Michal Kadlec durch zwei (angebliche!) Kölner
Hooligans in der Nacht von Samstag zu Sonntag in einer Kölner Discothek.
Diese Tat ist unfassbar, jedoch leider nur der absolute
Tiefpunkt einer Serie von Gewaltakten in den letzten Wochen und Monaten. Dass
dabei Kölner „Fans“ wiederholt in den Fokus geraten, ist äußerst beschämend und
gibt zu denken, wie die Kölner Fanszene aufgestellt ist, dass solche Taten wie
diese, oder aber auch die Vorfälle auf diversen Autobahnen des Landes, nicht stärker verurteilt und innerhalb der Szene auch aufgeklärt werden. Abschreckungspotential
scheint nicht geschaffen worden zu sein. Da ist es keine Entschuldigung, dass
der Verein wiederholt der 2. Liga entgegenrast und die Strukturen
innerhalb des Club eher als chaotisch einzustufen sind.
Traurig ist aber auch, wie die deutsche Presse auf den
Vorfall reagiert. Die Berichterstattung ist nüchtern und wenn Empörung im
Beitrag zum Vorschein kommt, dann meist nur in einem Zitat befragter Vereins-
oder Verbandsfunktionäre. Während man in Italien die Würde abgibt (?), so
scheint man hier, so zumindest der Eindruck, mit einem tätlichen Angriff auf
einen Spieler gerechnet zu haben. Es soll hier keine Panik verbreitet werden,
oder wieder unnötig eine Diskussion über das Fantum in der Bundesrepublik
aufgeworfen werden, doch tätliche Angriffe auf Spieler sind eine ganze neue
Dimension und nicht nur eine einmaliger Zwischenfall in Köln.
Eine etwas positivere Nachricht gibt es Dortmund. Der BVB
hat sich vorzeitig zum Deutschen Meister 2012 gekürt. Und das wohl zurecht. Wer
innerhalb kürzester Zeit den zweit-, dritt- und viertplatzierten der Liga schlägt
und seit einem so langen Zeitraum ohne Niederlage an der Spitze steht, wird
verdient Meister. Auch wenn es einem Bayern-Fan wie mir wehtut, das zu sehen. Eine
Wachablösung, wie es einige ehemalige Trainer und Medienvertreter sehen wollen,
ist dies jedoch nicht. Der BVB spielt seit zwei Jahren überragenden Fussball,
doch ich denke nicht, dass sie dies noch im nächsten Jahr aufrecht erhalten
können. Konflikte wie bei Barrios werden auch mit anderen Spielern auftreten,
und vielleicht bald nicht mit so viel Ruhe über die Bühne gehen. Auch möchte ich anzweifeln, dass ein Marco Reus auch im kommenden Jahr eine so
überragende Saison spielt, wie die jetzige. Wird vielleicht sogar der vielbeschworene Hunger nach zwei Meistertiteln in Folge abhanden kommen? Spekulationen, Spekulationen.
Aber noch ist diese Saison nicht
rum und uns erwarten mindestens noch ein spannendes Halbfinale am Mittwoch in
Madrid und das deutsche Clásico in Berlin.
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